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„Tausche
Giraffe gegen Freund“
1. Was heißt denn hier
neu?
Sina wachte auf, weil sie etwas am Ohr kitzelte.
Sie öffnete die Augen. Rundherum war tiefe
Nacht. Kein Lichtschein drang durch die Jalousien.
Die Leuchtziffern ihrer Armbanduhr zeigten auf
fünf nach fünf.
Sina setzte sich. Wieder kitzelte
es. Diesmal am Bein. Irgendwer kicherte leise.
Na warte, dachte sie und schob ihre Hand langsam
Richtung Nachttisch. Sie ertastete den Lichtschalter
und knipste ruckartig die Lampe an. Doch das jähe
Licht blendete sie selbst so sehr, dass sie im
ersten Moment überhaupt nichts sah. Dann,
allmählich, gewöhnten sich ihre Augen
an die Helligkeit, und Sina erblickte...
...Möllemann!
Natürlich, wer sonst?!
Die Giraffe grinste blöd.
„Sehr witzig“, murrte Sina und überlegte,
wie sie es ihm heimzahlen konnte. Klagte Möllemann
nicht ständig über seinen steifen Hals?
„Nein, nein, nein“, protestierte die
Giraffe mit wehleidiger Stimme. „Lass meinen
Hals in Ruhe! Ich werde höllische Schmerzen
haben. Tagelang! Schmerzen, das kannst du dir
nicht vorstellen.“
„Kann ich wohl.“
„Kannst du nicht.“
Möllemann zwinkerte ihr frech zu. „Und
überhaupt, hast du vergessen, was heute für
ein Tag ist?“
Sina sah ihn forschend an. Was meinte er? Ihr
Blick fiel auf sein Halstuch. Papas Halstuch.
Mit einem Mal spürte sie wieder diese schwarze
Traurigkeit in sich aufsteigen.
Papa hatte die Giraffe für
sie auf der Kirmes gewonnen. Am ersten Tag der
Sommerferien. An ihrem letzten Wochenende zu dritt.
Als sie noch eine Familie waren. Zwei Eltern,
ein Kind. Sina erinnerte sich: An diesem Tag waren
Mama und Papa freundlich zueinander gewesen. Kein
schlimmes Wort. Kein Streit. Beide hatten sogar
gelacht, weil die Giraffe Sina um Kopfeslänge
überragte. „Nenn’ ihn Möllemann“,
hatte Papa gesagt. „Möllemann hat keine
Lust mehr auf Losbuden. Möllemann will ein
Zuhause.“
Ein Zuhause. Ja, ja.
Ihr eigenes Zuhause hatten Mama
und Sina einige Tage später verloren. Nach
der Schrei-Nacht waren sie ausgezogen. Hals über
Kopf. Im Morgengrauen. Sie waren erst zu Oma gezogen,
dann, vor zwei Wochen, in die kleine Dachwohnung
am Rande der Stadt. Dabei war Sina in ihrem Haus
glücklich gewesen. Papa lebte jetzt allein
da. Möllemann und sein Halstuch waren das
letzte, was Sina von Papa geblieben war. Sie ließ
ihn sogar in ihrem Bett schlafen. Und er? Sah
einfach weg, wenn sie weinte. Ärgerte sie
sogar noch. Sagte Sachen wie: Dein Vater weiß
schon, warum er ausgezogen ist. Wahrscheinlich
hat er ’ne Neue. Die ist bestimmt viel schöner
als deine Mutter. Und vermissen tut er euch schon
gar nicht.
Irgendwann war Sina wütend geworden. „Kannst
von Glück sagen, dass Papa nicht den Roller
genommen hat. Für 300 Punkte hätte er
sogar ein Radio gekriegt. Da kommt wenigstens
Musik raus.“ Das saß! Zwei Tage lang
hatte Möllemann die beleidigte Leberwurst
gespielt. Aber jetzt wurde er schon wieder frech.
„Und? Was für ein Tag ist denn heute?“
Sina sah ihre Riesengiraffe gelangweilt an.
„Montag“, sagte Möllemann und
grinste. Er konnte richtig ätzend sein!
„Montag. Na und?“ Sina ließ
sich nichts anmerken.
„Na und, na und, na und“, äffte
Möllemann, und seine Stimme überschlug
sich fast. „Heute ist Schluss mit lustig!“
Dabei hörte er sich an
wie Sinas ehemaliger Lehrer Herr Reißer.
Und im selben Moment wusste Sina, was ihr Möllemann
auf seine gewohnt fiese Art sagen wollte: Heute
war ihr erster Schultag! Das hieß, ihr erster
Tag auf der neuen Schule. Die Ferien waren vorbei.
Wenn man von Ferien überhaupt
reden konnte!
Jetzt war Sina hellwach. Sie spürte ihr Herz
pochen, und ihr Magen grummelte verdächtig.
„Hast wohl Schiss?!“, stichelte Möllemann.
„Blödmann“, murmelte Sina.
Die neue Schule.
Mit Mama war sie vor wenigen
Wochen dort gewesen. Kurz nachdem sie den Mietvertrag
für die neue Wohnung unterschrieben hatten.
Die Schule war viel größer als ihre
bisherige. Und älter. Sina erinnerte sich
an die dunklen Gänge, durch die sie gelaufen
waren. An die gewundenen Treppen und die steinernen
Stufen. Alles hatte ihr Angst gemacht! Am Ende
sogar die dicke Sekretärin, die doch eigentlich
ganz gemütlich gewirkt hatte. Und der alte
Schulleiter, der Sina mit seiner schleppenden
Stimme fast eingeschläfert hatte: „Das
Haus der Bildung ist geräumig, und jeder
findet darin seinen Platz. Auch du wirst eine
Kammer entdecken, in der du dich einrichten magst.
Merke: Non scholae sed vitae discimus’ –
das ist Latein und heißt Nicht für
die Schule, sondern für das Leben lernen
wir’.“
Mama hatte Sinas Ängste weggewischt wie eine
lästige Fliege. „Na, hör mal“,
hatte sie gesagt, als sie nachher im Eiscafé
Spaghetti-Eis gelöffelt hatten, „die
sind doch alle nett. Und Englisch hast du auch.
Sogar Spanisch, wenn du willst. Wird dir nächstes
Jahr auf dem Gymnasium zugute kommen. Dann steht
dir die ganze Welt offen!“
Die ganze Welt!
Mama kapierte überhaupt nichts. Die Welt
war wirklich das letzte, an das Sina in diesen
Tagen dachte.
Sie stand auf, ging ans Fenster
und lunste durch die Jalousie. Wie es aussah,
würde es den ganzen Tag nicht richtig hell
werden. Graue, schwere Wolken hingen über
der Stadt und kündigten den Weltuntergang
an. Zumindest ein heftiges Gewitter. Und Regen.
Viel Regen.
„Ich hasse Regen“,
sagte Sina laut vor sich hin.
Düster starrte sie hinaus. Die Straßen
waren wie leergefegt. Rundherum alles dunkel.
Nur in zwei Fenstern brannte Licht. Plötzlich
ging schräg gegenüber die Haustür
auf, und eine dick eingemummelte Frau trat hinaus.
Sina beobachtete, wie sie ihr Fahrrad aus der
Garage zog und davon radelte. Kurz darauf schlurfte
ein Mann heran, im Schlepptau einen Rauhaardackel,
dessen Bauch über den Bürgersteig scheuerte.
Au wei!, dachte Sina. Schließlich kündigte
sich am Ende der Straße mit blinkenden Lichtern
die Müllabfuhr an – „Weckpolizei
für Wochenendträumer“ hatte sie
Papa oft genannt.
Papa. Immer wieder Papa.
Sina warf einen Blick auf ihren
Wecker. Sieben Uhr.
Sie seufzte und zog sich an. Sie überlegte,
was sie in die neue Schule mitnehmen sollte, packte
kurzerhand alle Hefte in den Rucksack, die sie
finden konnte, und stopfte noch einen Schreibblock
und Stifte dazu. Frau Viehfuß-Meuselbach
lugte unter dem Bett hervor. Das war ganz ungewöhnlich
für sie, dass sie die Nacht auf solch abenteuerliche
Weise verbrachte. Vielleicht sah sie deshalb so
zerknautscht aus. Sina nahm die ältliche
Puppe, die sie von ihrer Oma geerbt hatte, und
befestigte sie am Reißverschluss ihres Rucksacks.
Ihr Blick fiel auf eine kleine, elfenbeinfarben
schimmernde Figur im Regal. Der weiße Mönch.
Er lächelte geschlossenen Auges. Bei ihm
konnte das alles heißen. Entweder er schlief,
oder er meditierte. Behutsam nahm ihn Sina in
die Hand und ließ ihn sachte in die Seitentasche
des Rucksacks gleiten. Dann löschte sie das
Licht.
Sie war schon fast unten, als
ihr einfiel, dass sie noch etwas vergessen hatte.
Sie machte kehrt und rannte zurück. Leise
zog sie die Tür zu ihrem Zimmer auf. Möllemann
schnarchte bereits. Ohne Licht zu machen, schlich
sie hinüber zur Kommode. Bedächtig zog
sie die unterste Schublade auf, tastete über
das Wattekissen und schloss die Hand um einen
kleinen Stein.
„Oh“, summte dieser, „Mademoiselle
erinnert sich meiner unbedeutenden Existenz. Dabei
gibt es doch sicherlich Wichtigeres in ihrem Leben,
als sich ausgerechnet um mich zu kümmern.
Ich hätte es durchaus noch einige Jahre allein
und unbeachtet in meinem Särglein ausgehalten.
Ist ja urgemütlich hier! Ein bisschen dunkel
zwar, aber wozu braucht ein kalter Stein wie ich
denn Licht?“
Sina kannte das. Ihr Glücksstein
war häufig etwas verstimmt. Meistens klagte
er darüber, dass er, während er ihr
Glück brachte, selbst von den Widrigkeiten
des Lebens geplagt wurde. Sina mochte ihn sehr.
„Jetzt übertreibst du aber“,
flüsterte sie. „Erst vorgestern waren
wir zusammen am See, oder etwa nicht?“
„Aber nur weil meine Gebieterin hoffte,
mich gegen einen schöneren Stein eintauschen
zu können. Gib es ruhig zu! Glückssteine
gibt es ja schließlich wie Sand am Meer.
Einer schöner als der andere, oder nicht?“
„Gar nicht“, antwortete Sina. „Du
bist der schönste von allen.“
„Das sagst du jetzt nur“, grummelte
der Glücksstein.
Sina steckte ihn in ihre Hosentasche und ging
hinunter. In der Küche traf sie auf ihre
Mutter.
„Ausgeschlafen?“,
fragte diese und küsste Sina auf die Stirn.
„Weiß nicht“, murmelte Sina.
Der Tisch war bereits gedeckt.
„Toast oder Müsli?“
„Keinen Hunger“, antwortete Sina.
„Trink wenigstens ein Glas Milch.“
„Milch – igitt!“
Sina setzte sich. Seitdem Papa
nicht mehr da war, fand sie das mit dem Frühstück
ziemlich überflüssig. Hunger hatte sie
morgens sowieso nie, und mit Mama schwieg sie
sich in letzter Zeit nur noch an. Oder sie stritten.
Über alles mögliche. Schweigen war immerhin
besser als streiten. Und überhaupt –
Mama verstand sowieso nichts! Wenn Sina weinte,
sagte sie: „Wir zwei schaffen das auch alleine.“
Oder: „Das wird schon wieder.“ Oder:
„Komm’, hör’ schon auf,
sonst fang’ ich auch noch an.“ Besser
nicht weinen. Besser nicht reden. Den Tipp hatte
Sina von Möllemann.
„Komm’, trink’“,
drängte ihre Mutter, und Sina führte
das Glas an ihren Mund, ohne die Lippen zu öffnen.
Mama setzte sich zu ihr. „Aufgeregt?“
Sina blickte stur auf den Tisch. „Warum
denn?,“ fragte sie trotzig.
„Na ja, kommt ja jetzt einiges Neues auf
dich zu.“
Einiges Neues!
Seit jenem Morgen, als sie von
daheim ausgezogen waren, kam ständig etwas
Neues auf sie zu: die neue winzige Wohnung, in
der fremde Schränke, Tische und Stühle
standen; die neue Aussicht auf schmutzige Häuserfronten
und Industrieschlote; die neuen Nachbarn, die
Sina einfach übersahen. Nichts war mehr wie
früher! Selbst der Himmel hatte neuerdings
eine andere Farbe – grau statt blau. Und
die Luft roch nicht mehr nach gegrillten Würstchen
und frisch gemähtem Gras, sondern nach Abgasen,
Dreck und Staub.
„Du kannst wenigstens
noch riechen“, flüsterte der Glückstein.
„Wenn ich eine Nase hätte...“
„Sei froh. Stinkt sowieso alles“,
flüsterte Sina zurück.
„Stinkt?“, fragte ihre Mutter. „Was
stinkt?“
„Schon gut“, erwiderte Sina rasch
und sprang auf. „Muss jetzt.“
Ihre Mutter blickte sie stirnrunzelnd an. „Jetzt
mach’ aber mal langsam, Sina. Du hast reichlich
Zeit. Die Schule...“
„Bin lieber früher da!“, rief
Sina und war schon zur Tür raus. In der Diele
schnappte sie sich Rucksack und Jacke, hechtete
ins Treppenhaus und schlug die Haustür hinter
sich zu.
Von der Straße aus blickte
sie noch einmal zu ihrem Zimmer hoch. Stand da
nicht Möllemann am Fenster und schnitt ihr
eine Grimasse? Blödmann! |